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Essay zu den Ergebnissen der PISA-Studien 2016 (von Valentina Ruetsch Q2)

Wer beim Klang des Wortes „PISA“ zuallererst an das weltbekannte italienische Bauwerk denkt, dass mit seiner Neigung von rund vier Grad schon Massen an Touristen wie magisch angezogen hat, der sollte einmal die Zeitung aufschlagen und sich den mit erschlagend fettgedruckten Überschriften bestückten Artikeln zu den neu veröffentlichten Ergebnissen der sogenannten PISA-Studie des letzten Jahres widmen.
Ob deren hoch angemessene Bedeutsamkeit jedoch mehr Standfestigkeit aufweisen kann als der romanische Turm in der gleichnamigen Stadt Italiens, bleibt fragwürdig.

Da schwer davon auszugehen ist, dass ein jeder, der noch keine Bekanntschaft mit den PISA-Studien gemacht hat, sich nun vor den Rechner setzen wird, um die eigene Bildungslücke zu schließen, sollen diese noch einmal kurz vorgestellt werden: Wer steckt dahinter, und worin bestehen sie überhaupt?
Die PISA-Studien sind der Titel für eine internationale Schulleistungsuntersuchung, die von der OECD ins Leben gerufen wurde. OECD steht für Organisation for Economic Cooperation and Development. Wem die eigenen Englischkenntnisse an dieser Stelle noch nicht ganz im Stich gelassen haben, kann sich an fünf Fingern abzählen, dass man es hier mit einer Organisation zu tun hat, die den Blick bei der Verwirklichung ihrer Ziele auf die Entwicklung der Wirtschaft richtet, sprich auch auf Wettbewerbsfähigkeit.
Die Studie selber besteht seit dem Jahr 2000 und wird fortan alle drei Jahre durchgeführt. Sie untersucht ausschließlich 15-jährige Schülerinnen und Schüler, ist somit unabhängig von der Klassenstufe. Die drei abgefragten Bereiche Lesekompetenz, Mathematik und Naturwissenschaften werden bei jedem Durchgang in Form von Multiple-Choice-Formaten vertieft untersucht. Zusätzlich fließen Aspekte wie der Einfluss der sozialen Herkunft, des Geschlechts und eines eventuellen Migrationshintergrunds in die Untersuchungen mit ein.

Als 2001 die Ergebnisse der allerersten PISA-Studie des Vorjahres veröffentlicht wurden, entbrannte in Deutschland ein Feuer des Entsetzens: mit derart unterdurchschnittlichen Werten hatte niemand gerechnet, gerade im Bereich der Lesekompetenz. Eifrig wurde nun daran gearbeitet, bei den folgenden Durchführungen der Schulleistungsuntersuchung besser abzuschneiden. Das Ergebnis 2016: die Leistungen der Schülerinnen und Schüler liegen mittlerweile über dem Durchschnitt. Ein Grund, die Sektkorken knallen zu lassen?

- Vielleicht sollte die Freude über die Verbesserung lieber gezügelt werden. Denn was die PISA-Studien auch zeigen ist, dass die Chancengleichheit in Deutschland bezüglich der Einflussnahme der sozialen und regionalen Herkunft und des Geschlechts immer noch auf sehr wackligen Säulen steht. Jugendliche mit Migrationshintergrund bleiben weiterhin die Benachteiligten, wenn es darum geht, eine höhere Schullaufbahn und die damit verbundenen besseren Lebenschancen anzustreben. Außerdem fällt auf, dass in den wissenschaftlichen und technischen Themengebieten, die die Studie abdeckt, Mädchen vergleichsweise schlechter abschneiden würden als ihre männlichen Mitschüler, was, so Andreas Schleicher, der Direktor des Bildungsrats der OECD, daran läge, dass Mädchen in diesen Bereichen immer noch „offenkundig weniger zugetraut“ würde.

So weit, so schlecht. Doch was sagt es über PISA und die Fädenzieher im deutschen Bildungswesen aus, wenn man betrachtet, dass zwar die Studienergebnisse besser geworden sind, aber die soziale Chancengerechtigkeit weiterhin enorm hinterherhinkt? Es scheint paradox, dass parallel zum erhöhten Leistungsvollzug in den PISA-Untersuchungen deutsche Schulabgänger zunehmende Schwierigkeiten in Ausbildung und Studium aufweisen, wie die Studie „Ausbildungsreife & Studienfähigkeit“ der Konrad-Adenauer-Stiftung offenlegt. Hochschullehrer würden sich über mangelnde Grundlagen beschweren und jeder vierte Bachelorstudent verlasse vorzeitig seine Ausbildung bzw. sein Studium[1]. Kann man also noch von einer wirklichen Erweiterung des Wissens sprechen, wenn man den Unterricht darauf auslegt, bessere Ergebnisse bei den Vergleichstests zu erzielen?

Und genau da ist der Punkt: beim Wort „Vergleichstests“. Hier wird Bildung zu etwas gemacht, was sich als Ranking in bunten Diagrammen ablesen und mit den Zahlen anderer Nationen messen lässt; zu etwas, was in einem Wettbewerb mithalten muss. Klingeln da die Glöckchen? Denn wer war noch gleich der Entwickler der PISA-Studien? Richtig, die OECD. Und diese ist eine wirtschaftliche Vereinigung. Und was muss man sein, um am Wirtschaftssystem teilhaben zu können? Ja, genau, man muss wettbewerbsfähig sein.
Dabei sollte Schule doch eigentlich ein Ort sein, an dem man die Möglichkeit bekommt mithilfe der Bildung eine eigene Persönlichkeit zu entwickeln, sich seinen Stärken und Schwächen bewusst zu werden und persönliche und soziale Qualitäten auszubilden, die im Endeffekt immer noch mit die wichtigsten Voraussetzungen für ein erfolgreiches Berufsleben bilden. Auch das kritische Hinterfragen von Sachverhalten scheint in die Sparte „messbares Wissen“ nicht mit hinein zu gehören.

Der deutsche Bildungswissenschaftler Heinz-Dieter Meyer findet an dieser Stelle eine sehr passende Bezeichnung für die OECD: Es scheint, dass sie im Verlaufe der Zeit den inoffiziellen Titel eines „globalen Bildungsministeriums[2]“ errungen hat. Und auch vermag man ihm Recht zu geben, dass die Verfahren der Organisation bei den PISA-Studien auf eine „Uniformität und Standardisierung des Denkens, Fühlens und Verhaltens2“ hinauslaufen würden. Auch Matthias Burchardt, tätig am Institut für Bildungsphilosophie, Anthropologie und Pädagogik der Lebensspanne der Universität Köln, teilt diese Auffassung und warnt vor einer „Vernachlässigung der kulturellen Vielfalt“.

So wird schlussendlich klar: So schick der schiefe Turm von Pisa auch sein mag, im Grunde genommen ist er doch nur das – ein schiefer Turm, bei dem jeder eigentlich nur darauf wartet, dass er irgendwann mal umkippt. Ähnlich verhält es sich mit seinem Namensvetter der OECD-Studie. Anstatt so viel Wirbel um ein Haufen von Ziffern in einer Rangliste zu machen, sollte man sich lieber der Realität zuwenden und die finanziellen Mittel, die für die Ermöglichung der PISA-Studien aufgewendet werden, in sinnvollere Bereiche der Bildung stecken wie bspw. die Förderung von defizitaufweisenden Kindern und Jugendlichen mit Migrationshintergrund.


[1] http://www.kas.de/wf/doc/kas_44796-544-1-30.pdf?160407120128, S. 6

[2] http://www.spiegel.de/lebenundlernen/schule/pisa-studie-2016-ueber-sinn-und-unsinn-der-schuelertests-a-1122998.html